Im Gespräch mit: Christoph Birkel

„Unsere feste Überzeugung ist, dass wir nur im Netzwerk die Herausforderungen der Zukunft bewältigen können“

Gemeinsam sind wir stark: Im Interview sprechen Tempowerk-Geschäftsführer Christoph Birkel und Dr. Olaf Krüger, Vorstand der Süderelbe AG, über ihre Kooperation zum Thema Mobilität, Stärken und Schwächen der Metropolregion, Synergien zwischen Wirtschaft und Wissenschaft und warum es für die Zukunft der Wirtschaft so wichtig ist, sich zu vernetzen.

Herr Birkel, Herr Dr. Krüger, das Tempowerk und die Süderelbe AG wollen in Zukunft noch intensiver zusammenarbeiten. Was bedeutet das und was ändert sich dadurch?

Christoph Birkel: Ich bin Vorsitzender im Aufsichtsrat und Beirat der Süderelbe AG, aber als Privatperson auch Unternehmer. Mit dem hit-Technopark waren wir Aktionär, haben uns als solcher aber eher passiv verhalten. Das ändert sich jetzt durch unsere Partnerschaft.

Was ist das Ziel dieser Partnerschaft. Oder, anders gefragt: Was haben ihre Mieter davon?

Birkel: Unser Schwerpunkt in der Zusammenarbeit mit der Süderelbe AG ist derzeit insbesondere das Thema Mobilität, die wir am Standort und Süderelbe-Region verbessern wollen. Aktuell ist es doch so: Auf der einen Seite verzichten immer mehr junge Menschen aufs Auto, teilweise machen sie nicht mal mehr einen Führerschein. Und auf der anderen Seite wird die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr immer schlechter, je weiter Sie sich von Hamburg entfernen. Im Kampf um die immer schwerer zu findenden Fachkräfte ist das für die Unternehmen unserer Region ein Nachteil, den wir bekämpfen müssen. Dabei hilft uns die Süderelbe AG, die gegründet wurde, solche Themen länderübergreifend anzugehen.

Dr. Olaf Krüger: Und wir freuen uns über aktive Mitglieder, die nicht einfach nur Aktionäre sind und einmal im Jahr zur Hauptversammlung kommen, sondern auch ein Interesse haben, mit uns gemeinsam Themen und Projekte zu entwickeln.

Shuttleservice fürs Land, App für Fahrgemeinschaften – und die S-Bahn

Eines dieser Projekte ist das Reallabor Hamburg, in dem anlässlich des ITS-Weltkongresses die Mobilität von morgen erprobt werden sollte und bei dem Sie mitgewirkt haben. Was ist daraus geworden?

Krüger: Eines von insgesamt elf Teilprojekten des Reallabor Hamburg ist ein ‚On-Demand-Shuttleservice’ für den ländlichen Raum, den wir koordiniert haben; einmal in der Winsener Elbmarsch und einmal im Kreis Stormarn. Ende des Jahres läuft die Förderung aus. Häufig landen solche Projekte dann wieder in den Schubladen, aber in diesem Fall haben beide Landkreise das Projekt um jeweils ein Jahr mit Option auf ein weiteres verlängert. Ein toller Erfolg, wie ich finde. Erfolg versprechen wir uns auch von einem weiteren Projekt, das wir mit der Stadt Neumünster vorantreiben. Dabei geht es darum, Mobilitätslösungen für einzelne Betriebe, aber auch für ganze Gewerbegebiete zu entwickeln – und zwar mit Blick genau auf das, was Herr Birkel eben schon angesprochen hat: Wie bekommen wir die jungen Talente ohne Führerschein zu den Unternehmen im eher ländlichen Süderelbe-Raum? Man kann das innovativ lösen und die Anreise vernetzen – etwa durch eine App für Fahrgemeinschaften. Oder den klassischen ÖPNV durch neue Mobilitätsangebote ergänzen und ausbauen.

Da sind wir auch schnell schon wieder bei der S-Bahn-Station Tempowerk. Die wird schon länger diskutiert. Aber mal ehrlich: Wird sie Realität oder ist das Träumerei?

Birkel: Die wird irgendwann kommen. Die Frage ist nur, ob wir das noch erleben. Aber auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Der wurde schon vor längerer Zeit gemacht. Und jetzt müssen wir die Schlagzahl erhöhen. Dass eine Metropole wie Hamburg keine Ringbahn hat und auch keinen Autobahnring, ist eigentlich ein Scherz. Wenn Sie das heute auf dem Reißbrett anlegen würden, würden Sie sagen: Ist doch klar, das brauchen wir. Das Thema ist komplex und wir sind nicht die ersten, die sich Gedanken darüber machen. Aber es kann nicht schaden, wenn wir zusätzlich drüber nachdenken.

Tempowerk und Süderelbe AG – mehr als nur Partner

Losgelöst vom Schwerpunkt Mobilität. Warum ist Ihnen Netzwerkarbeit wichtig?

Birkel: Die Welt wird immer schneller und komplexer. Unsere feste Überzeugung ist, dass wir nur noch im Netzwerk die Herausforderungen der Zukunft bewältigen können. Aber einfach nur zu sagen, wir sind jetzt Partner, ist mir zu kurz gesprungen. Wir wollen Themen voranbringen, die wichtig sind für unsere Unternehmen, und sie mit Leben füllen. Dafür muss man Türen öffnen, Verbindungen herstellen. Das ist die Idee, die auch die Süderelbe AG hat.

Stehen Sie damit nicht in Konkurrenz zueinander?

Krüger: Ganz im Gegenteil. Es ist sogar sehr gut, dass wir gemeinsam auftreten – und nicht jeder für sich. So werden unsere Interessen potenziert und unsere Wahrnehmung multipliziert. Man könnte auch sagen: Gemeinsam sind wir stärker.

Birkel: Es wäre ja komisch, wenn wir predigen, wir sind eine Plattform, arbeiten zusammen, und dann gleichzeitig das Wort ‚Konkurrenz’ in den Mund nehmen. Wir müssen uns abstimmen und sehen, dass wir nichts doppelt machen. Aber ansonsten macht jeder das, was er am besten kann. Und abgesehen davon: Die Süderelbe AG ist ein Wirtschaftsförderungsgesellschaft für die südliche Metropolregion – und wir sind das Tempowerk. Was wir im Kleinen machen, mit unseren 120 Unternehmen, macht Herr Dr. Krüger im Großen, von Stade bis Lüneburg, von Hamburg bis nach Hannover. Insofern ist das keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung.

Was Sie machen, Herr Dr. Krüger, grenzüberschreitende Zusammenarbeit über Branchen hinweg, war vor etwas mehr als 15 Jahren, als die Süderelbe AG gegründet wurde, ein revolutionärer Gedanke. Haben Sie erreicht, was Sie sich vorgenommen haben?

Krüger: Das war revolutionär, und ich würde sagen gemessen an der bundesweiten Verbreitung ist es das immer noch. Über Bundesländergrenzen hinweg sowohl mit öffentlichen als auch mit privaten Gesellschaftern zusammenzuarbeiten, ist im Bereich der Wirtschafts- und Regionalentwicklung dabei mehr denn je die Zukunft. Ich hätte mir allerdings schon gewünscht, dass wir bei bestimmten Themen weiter wären. Aber das zeigt eben auch die Größe der Herausforderung.

Wo der Norden im Vergleich zum Süden aufholen muss

Wo wären Sie denn gerne schon weiter, als Sie es heute sind?

Krüger: Nehmen wir das Beispiel der Innovationsfähigkeit der Region. Hier haben wir verglichen mit süddeutschen Metropolregionen großen Nachholbedarf. Das ist vor allem zu erkennen am Anteil Beschäftigter in wissensintensiven Branchen – egal ob Industrie oder Dienstleistung. Dieser Anteil ist in den Metropolregionen Stuttgart oder München deutlich höher.

 Wirtschaftssenator Michael Westhagemann hat in einem ähnlichen Zusammenhang mal gesagt: Nur, weil in München auf Bayern-Niveau gespielt wird, hört der HSV ja nicht gleich auf, Fußball zu spielen.

Birkel: Aber warum ist Bayern München denn so erfolgreich? Weil sie die Grundlagen dafür geschaffen und rechtzeitig investiert haben. Das wurde hier nicht gemacht – und damit bin ich wieder bei der Wirtschaft. Wir wollen hier immer Innovationshauptstadt werden, aber es darf nichts kosten. So wird das nichts. Ich finde es ja vernünftig, Projekte so auszurichten, dass Firmen bereit sind, dafür zu bezahlen. Denn nur dann sind sie auch am Markt ausgerichtet. Und nur so ist gesichert, dass wir keine Fördermittel verschwenden. Gleichzeitig aber hält Hamburg seine Förderprojekte an der kurzen Leine. Das ist in Süddeutschland anders.

Krüger: Zudem wird im Süden grundsätzlich mehr in Forschung und Entwicklung investiert, während die Quote hier im Norden unterdurchschnittlich ist. Noch dazu hat Hamburg es verpasst, seine Hochschulen frühzeitig massiv auszubauen. Dabei ist gerade dieser Wissenstransfer – aus der Forschung in die Wirtschaft – besonders wichtig. Die TuTech zum Beispiel geht das Thema hier an

 Warum das Tempowerk der TUHH einen Lehrstuhl stiftet

 Auch das Tempowerk setzt sich für den Wissenstransfer ein und hat der Technischen Universität einen Lehrstuhl gestiftet. Was erhoffen Sie sich davon, Herr Birkel?

Birkel: Zum einen wollen wir Unternehmen in unserem Netzwerk den Zugang zur Universität erleichtern, zum anderen wollen wir unsere Idee branchenübergreifender Zusammenarbeit in die Lehre einbringen. Studierende sollen schon an der Uni lernen, in interdisziplinären Teams zu arbeiten. Wenn sie dann aus dem Studium kommen, brauchen wir ihnen das nicht mehr zu erzählen.

Häufig werden aus den Hochschulen heraus auch Unternehmen gegründet. Wie können Sie diesen Start-ups helfen?

Krüger: Zum Beispiel über das Business Angel Netzwerk Elbe-Weser, das wir im April 2020 übernommen haben. Wir leiten hier die Geschäftsstelle, der Vereinsvorsitz liegt bei mir. Herr Birkel sitzt ebenfalls im Vorstand. Auf diese Weise betreiben wir das Thema Gründung jetzt über ein Business Angel-Netzwerk, das Gründer und Investoren zusammenbringt.

Warum sind solche Netzwerke wichtig?

Krüger: Business Angels sind extrem wichtig, weil sie eine fundamentale Finanzierungslücke schließen: Sie bieten Zugriff auf privates Kapital. Da ist Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern noch im Nachteil. Wir haben zwar eine breite Förderlandschaft, aber gerade in der Frühphase und in der Phase, in der junge Unternehmen aus der Förderung herauswachsen, da haben wir ein Problem – und da können Business Angels weiterhelfen.

Birkel: Das bringt auch unseren Wirtschaftsstandort nach vorne. Wenn wir die jungen Talente schon hier ausgebildet haben, wollen wir sie auch hier halten. Daher ist es wichtig, dass wir ihnen im Tempowerk oder im Startup Dock der TuTech nicht nur einen Ort, sondern eben auch Geld geben. Ganz nebenbei entsteht dadurch neben einem Wissens- auch ein kultureller Austausch: Start-ups arbeiten mit etablierten Unternehmen zusammen – und beide profitieren.

 

Das wünschen sich Birkel und Krüger für die Zukunft

 

Apropos Fortschritt. Wo sehen Sie, Herr Krüger, die Süderelbe AG, und Sie, Herr Birkel, das Tempowerk – in 15 Jahren?

 

Krüger: Für die Süderelbe AG würde ich mir eine noch zentralere Rolle an der Schnittstelle zwischen den Ländern Hamburg und Niedersachsen wünschen. Mit einem weiter gewachsenen Kreis von Unternehmen als unsere Aktionäre wollen wir Sprachrohr und Ansprechpartner für die relevanten Themen der Region sein – in einem funktionierenden Netzwerk.

Birkel: Wir wollen der führende Ort für Kollaboration im Technologiebereich sein. Dafür haben wir Orte geschaffen. Dafür haben wir Veranstaltungsformate geschaffen. Und dafür schaffen wir gerade ein leistungsstarkes Netzwerk. Wie toll wäre es, wenn Unternehmen zu uns ins Tempowerk kommen, um ihre Produkte unter Federführung der TUHH und mit Unternehmen aus der Region gemeinsam weiterentwickeln zu lassen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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