Physiotherapie, Wertschätzung und Gesundheitstage – so begegnet die Viebrockhaus AG dem Thema „Gesundheit am Arbeitsplatz“

Im Rahmen der Aktion „Gesundheit am Arbeitsplatz“ interviewten die Kollegen vom Fachkräftemarketing-Projekt „besserhier“ der Süderelbe AG Wolfgang Werner, Vorstand der Viebrockhaus AG, die Gesundheitsmanagerin Christina Boyksen sowie die für Recruiting und Führungskräftebetreuung verantwortliche Kristin Westendorf.

Herr Werner, geben Sie uns bitte einen kurzen Überblick, wie Sie Ihr betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) bei Viebrockhaus eingeführt haben.

Wolfgang Werner: Wir haben bereits vor über zehn Jahren mit der betrieblichen Gesundheitsförderung angefangen. Das ging mit der Idee los, dass die gewerblichen Mitarbeiter auf den Baustellen sehr intensiv arbeiten und daher auch schnell Rückenprobleme bekommen. Deshalb haben wir gesagt: „Da müssen wir etwas tun – und zwar dort, wo die Probleme sind.“ Und dann sind wir mit einer Physiotherapeutin und einem Behandlungsbus auf die Baustelle gefahren. Die Skepsis war am Anfang groß. Aber nachdem die Ersten das ausprobiert und gesehen haben, dass es etwas bringt, haben die meisten mitgemacht. Und es ging nicht um Wellness oder Massage, sondern um Physiotherapie. Mittlerweile bieten wir das an allen Standorten an.

Zudem guckt ein Präventionstrainer (diplomierte Sportlehrer) auf den Baustellen wie die Mitarbeiter dort arbeiten mit dem Ergebnis: „Wenn sich jemand tausendmal in die Bütt bückt, um seine Kelle zu füllen, kann man auch auf die Idee kommen, die Bütt höher zu stellen, weil das für den Rücken besser ist.“
Im August 2018 führten wir schließlich das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) mit der Einstellung einer Gesundheitsmanagerin ein.

Ich möchte eine Sache hierbei allerdings betonen. Das Allerwichtigste ist die WERTSCHÄTZUNG. Sie müssen den Mitarbeiter bei dem, was er oder sie tut wertschätzen. Sonst werden die Angebote auch nicht wahrgenommen.

Kristin Westendorf: Diesen Punkt möchte ich auch für den aktuellen Umgang mit der Corona-Situation hervorheben. Wir haben von unseren Führungskräften nicht einfach irgendwelche E-Mails bekommen, sondern unsere Vorstandsmitglieder haben sich die Mühe gemacht, persönliche Briefe an ihre Mitarbeiter zu verfassen und zu unterschreiben. Auch hat die Familie Viebrock eine Videobotschaft aufgenommen, die dann mit Untertiteln übersetzt wurde (z.B. ins Polnische). Das fand ich als Mitarbeiterin sehr wertschätzend.


Was bieten Sie Ihren Mitarbeitern im Rahmen des BGM an?

Kristin Westendorf:
Neben der Physiotherapie bieten wir in Zusammenarbeit mit der Techniker Krankenkasse Sportkurse, Gesundheitstage sowie Corona-bedingt Webinare zum Thema Ernährung und Gesundheit, insbesondere Rückengesundheit, an.

Wolfgang Werner: Ganz wichtig: Bei uns erhalten Mitarbeiter z.B. mit Rückenproblemen i.d.R. innerhalb von ein bis drei Tagen einen Termin bei einem Facharzt. Wir kooperieren da mit mehreren Kliniken in Hamburg und Süddeutschland. Warum das so schnell geht? Ganz einfach, weil Viebrock dafür zahlt. Wir haben für uns festgestellt, dass es eine win-win Situation ist.

Mit Schmerzen sechs Wochen auf einen Arzttermin zu warten, bedeutet in der Regel, dass der Mitarbeiter auch nicht arbeiten kann. Deshalb versuchen wir schnell Termine zu organisieren. Das will auch der Mitarbeiter: „Ein Maurer will mauern; Der will nicht nicht-mauern.“ Das oberste Ziel ist natürlich, durch Prävention möglichst fit zu bleiben und gar nicht erst gesundheitliche Probleme zu bekommen.


Mal ganz ehrlich, ein BGM kostet viel Geld. Lohnt sich das wirklich?

Wolfgang Werner:
Unsere letzte Auswertung von 2019 gegenüber 2018 hat gezeigt, dass wir merkliche Verbesserungen haben. Wenn Sie sich die Krankheitstage der MA anschauen, Fallzahlen und kumulierte Tageszahlen, dann gab es da eine deutliche Abnahme. Auch wenn es Geld kostet, es lohnt sich in die Gesundheit der Mitarbeiter zu investieren. Wenn der Mitarbeiter sechs Wochen lang krank ist, dann müssen Sie auch dafür zahlen. Alle sind unglücklich, dann lieber gleich das Geld vernünftig in die Gesundheit investieren.


Frau Boyksen, wie muss man sich Ihren Job als Gesundheitsmanagerin bei Viebrockhaus vorstellen?

Unter anderem organisiere ich die Termine bei den Ärzten und Physiotherapeuten. Das ist bei über 1.000 Mitarbeitern gar nicht so einfach. Ein Beispiel: Eine Maurerkolonne besteht normalerweise aus vier Leuten, die morgens zusammen zur Baustelle fahren und dort arbeiten. Wenn einer um 14:00 Uhr einen Termin beim Arzt hat, dann können die nicht sagen: „So, wir machen jetzt Feierabend, weil unser Kumpel zum Doktor muss. Wir warten im Wartezimmer und lesen die Illustrierten.

Das Thema Physiotherapie haben wir nun flächendeckend hinbekommen. Auch das müssen sie organisieren. Wenn vier Leute (eine Kolonne) zur Physiotherapie gehen, dann dauert das 2,5 Stunden. Darauf haben die Leute keinen Nerv erst recht, wenn sie morgens um 4:00 Uhr oder 4:30 aufstehen. Die warten vielleicht 15 bis20 Minuten bis sie dran sind, aber nicht länger.

Aber das BGM umfasst ja nicht nur die Terminorganisation, sondern auch die Gespräche mit den Mitarbeitern. Wir versuchen herauszufinden: Was war die Ursache für die Schmerzen, welche Therapie wurde angewendet und wie ist der Effekt nach der Behandlung. Selbstverständlich berücksichtigen wir den Datenschutz und die Inhalte der Gespräche werden anonymisiert.


Kommen wir zur Corona-Krise. Wie schützen Sie in dieser schwierigen Zeit die Gesundheit Ihrer Mitarbeiter?

Wolfgang Werner:
Wir haben ab dem 02. März damit angefangen, Desinfektionsmittel zu beschaffen und Infoblätter mit den zehn wichtigsten Tipps zum Thema Hygiene aufzuhängen. Wir haben dann im Rahmen des BGM eine zentrale Meldestelle für alle Dinge in Bezug auf das Thema Corona bei Viebrockhaus eingerichtet. Es gab etwa 50 Fälle, die gemeldet wurden, überwiegend reine Vorsichtsmaßnahmen und prophylaktische Quarantänen.
 
In der zwölften Kalenderwoche haben wir den größten Teil der Mitarbeiter ins Home Office geschickt. Am 16. März haben wir alle Musterhäuserparks und alle Vertriebsbüros geschlossen. Glücklicherweise konnten wir – mit allen Vorsichts-, Abstands- und Hygienemaßnahmen auf den Baustellen weiterarbeiten.


Und wie schützen Sie die Gesundheit Ihrer gewerblichen Mitarbeiter?

Christina Boyksen: Mit über 850 Sets für unsere Mitarbeiter auf den Baustellen: Handschuhe, Schutzbrille, Anleitungen, wie man den Nasen-Mund-Schutz anwendet etc…
Das haben wir auch für die Nachgewerke gemacht, also nicht nur für die eigenen Mitarbeiter.

Wolfgang Werner: Zudem wurden alle Kolonnen mit zusätzlichen Dienstwagen ausgestattet, so dass maximal zwei oder drei Personen in einem Auto sitzen.
Es folgten präzise Spielregeln für die Baustelle. Das fängt mit einer Einbahnstraßen-Regelung an: Es gibt nur einen Eingang und einen Ausgang und die Mindestabstände müssen eingehalten werden. Maximal vier Leute dürfen auf einer Baustelle sein. Das bedeutet auch, dass Sie den Terminplan entzerren müssen. Die Mitarbeiter erklärten sich bereit, auch an Samstagen zu arbeiten und dafür einen anderen Tag frei zu bekommen. In der Corona-Zeit war das relativ egal: die Kinder sind eh zu Hause und ins Theater kann man auch nicht gehen. Die Spielregeln sind überall in fünf Sprachen zu finden: Deutsch, Polnisch, Russisch, Türkisch und Englisch.

Bauherren durften tagsüber nicht auf die Baustelle kommen, sondern erst ab 17:00 Uhr oder am Wochenende. Wir haben sie auch immer gebeten, Desinfektionsmittel dabei zu haben und das, was sie angefasst haben, entsprechend zu reinigen.
die meisten Bauherren waren froh, dass es überhaupt weitergeht.


Wie gehen Sie mit den Ängsten und Sorgen Ihrer Mitarbeiter um, z.B. dass sie durch die Corona-Krise ihre Arbeitsplätze verlieren?

Wolfgang Werner:
Das A und O ist, dass Sie die Mitarbeiter immer und regelmäßig informieren. Die haben ja Angst um ihre Arbeitsplätze und um ihre Gesundheit. Alle kennen unsere Wachstumsstrategie: Wir wollen bis 2025 pro Jahr 1.500 Häuser bauen. Momentan sind es 800 bis 850. Momentan ist unsere Botschaft an die Mitarbeiter, dass wir im nächsten Jahr einen selbst bei einem Worst Case mit nur 700 Häusern sicherstellen können, dass wir keinen Mitarbeiter wegen der Corona-Situation entlassen müssen. Wir gehen sogar davon aus, dass wir insgesamt 800 Häuser bauen können. […] Die Hauptmessage ist also, dass wir keine Mitarbeiter entlassen müssen.

Christina Boyksen: Außerdem haben wir vor drei Monaten das Viebrock-Sorgentelefon eingeführt. Das ist eine Kooperation mit einer Firma aus Hamburg, die psychologisch geschulte Mitarbeiter hat, die für unsere Mitarbeiter ansprechbar sind. Jeder unserer Mitarbeiter plus deren Haushaltsangehörigen können da anrufen und familiäre sowie arbeitsbezogene Themen […] besprechen. Es hilft den Leuten, wenn sie mal jemanden zum Reden brauchen und dort anrufen können.

Wir haben gerade die Zahlen für den Monat April vorliegen. Insgesamt 41 Personen haben sich dort gemeldet. […] Das Ganze ist selbstverständlich völlig anonym und wir […] bieten das auch in mehreren Sprachen an.